ZWÖLFERKANTE - "Gesellenprüfung im Fels"

Ein Bericht meines Großvaters, erschienen in der "BERGWELT", Ausgabe Januar 1981 und Erinnerungen an meine Begehungen dieser Tour.



Die sich von Garmisch-Partenkirchen aus dem Besucher so überaus großartig darbietende Waxensteingruppe stellt eines der lohnendsten Kletterziele im Wetterstein dar. Von Süden, aus dem Höllental über steile grasdurchsetzte und daher oft gefährliche Hänge nicht gerade leicht ersteigbar, bieten die großen von West nach Ost ziehenden Wandfluchten nur schwierige bis äußerst schwierige Routen. Der kühne, von der Ostseite aus gesehen scheinbar frei stehende Obelisk des kleinen Waxensteins, überragt den Talboden um volle 1.400 Meter und schlägt jeden in seinen Bann.


"Die Zwölferkante ist die Gesellenprüfung im Fels für jeden Alpinisten!" Diese Worte meines Vaters an mich als Jugendlicher gerichtet klingen mir bis heute in den Ohren und sie haben bis heute ihre Berechtigung. Und das, obwohl die Kletterei -gemessen an ihrem vierten Schwierigkeitsgrad- für heutige Verhältnisse eigentlich kaum noch einer Erwähnung wert ist. Zudem ist der Fels über weite Strecken fest, zuverlässig und in den Schlüsselpassagen traumhaft rauh. Und dennoch: Bereits der Zustieg erfordert Orientierungssinn, die erste Seillänge führt aus dem dunklen Schluf der Mittagsrinne über kalten, oft feuchten und nicht zum Rest der Tour passenden etwas unzuverlässigen Fels. Die Ausgesetztheit an der direkten Kante ist enorm und am Gipfel angelangt ist die Tour lange nicht zu Ende, es gibt keinen "Sorglosabstieg". Wirklich entspannen kann man erst nach 1000 Hm permanenter Konzentrationsübung über steiles Schrofengelände ins Höllental hinab, oder man hängt die Überschreitung des Kleinen Waxensteins noch dran und kommt schließlich wieder in der Nähe des Einstiegs heraus. Hasardeuren bietet sich noch der steinschlaggefährdete "Höllenritt" durch die Mittagsschlucht an.


Am frühen Morgen steigen wir in der noch dämmrigen Säulenhalle des Hochwaldes der großen weit ins Tal schauenden Mittagrsreiße zu. Das tiefe Schweigen ist um und zu dieser frühen Stunde auch in uns. Nur wenn einer von uns im lehmig nassen Waldboden einen Stolperer macht, unterbricht etwas Gemurmeltes die Stille. Jetzt hat uns dichter Nebel eingehüllt, aber ein leichter blauer Schimmer über uns nährt die Hoffnung. Der Gebietsfremde muss hier gut acht geben, denn etliche nach links ins tiefe Abseits führende Steige müssen berücksichtigt werden und gottlob ist unser Steig noch nicht der allgemeinen Markierungssucht verfallen.


Die Zwölferkante im Winter, das macht was her in der Jungmannschaft! In diesem Gedanken vereint irre ich mit Peter Illner irgendwann an einem Dezembertag von Hammersbach aus durch den winterlichen Stangenwald der Mittagsreiße entgegen. Vernunft oder gut überlegte Planung waren in diesen jungen Jahren nicht so wichtig, eher verschmäht. Wir erobern die Welt! Was auch erklärt, warum Peter lediglich mit leichtem Schuhwerk und Kletterpatschen bestückt ist. Ein Biwak haben wir zwar irgendwo im Hinterkopf, aber der Plan ist klar: Peter als schon damals sehr guter Kletterer rauscht führend durch die Viererseillängen und Nachmittags gehts wieder heimwärts....

Jahre später bin ich hier wieder, diesmal mit Martl und im Sommer. Aber die "Peter-Illner-Story" ist immer noch Gesprächsthema. Was nicht bedeutet, dass es mit Martl weniger abenteuerlich gewesen wäre. Die Herausforderungen waren nur andere...


Droben am Beginn der großen Reiße treten wir aus dem Nebel ins blaue Morgenlicht. Noch stehen wir im kalten Frühschatten, aber hoch über uns am Gipfelgrat unseres Zieles entzündet die goldene Morgensonne alle Herrlichkeit.Wie oft haben wir dieses Bild hier schon gesehen, aber immer wieder entfacht es die Bergseeligkeit und Freude an unserer "Berghoamat". Die sehr steile und meist nur dürftige Steigspuren zeigende Reiße fordert schon ihren Tribut an Schweißtropfen, zumal meine Begleiter um mehr als 30 Jahre jünger sind. Nach knapp zwei Stunden stehen wir am Einstieg zur Zwölferkante (IV), der, wenn man nicht zu den Ersten des Tages gehört, steinschlaggefährdet ist. Der Beginn ist ganz schön schwer, zumal wenn´s noch eiskalt ist, hier hat schon für manchen ein böser "Verhauer" begonnen. Man kann auch etwa 20 Meter weiter oben in der Mittagsschlucht über ein türmchenbesetztes Band nach rechts hin etwas leichter und steinschlagsicherer einsteigen.


Sowohl Peter als auch Martl gehörten damals die erste Seillänge, was jeweils zur Entspannung meiner Gefühlslage wesentlich beitrug. Beide haben zu kämpfen: Peter mit den winterlichen Verhältnissen, Martl mit dem Kaltstart aus diesem unwirtlichen Schluf heraus. Nach zwei schwereren Seillängen führt ein leichtes Band zur Kante hinaus und im Zweiergelände gehts zum Beginn der Schwierigkeiten an der eigentlichen Kante beim Latschenfleck, welcher mir in beiden Fällen aus unterschiedlichen Gründen gut in Erinnerung geblieben ist....


Bald sind wir warm geworden und alles läuft wie geschmiert. Über das nach links oben führende Plattenband klettern wir hinaus ins herrlich wärmende Sonnenlicht. Nun wird alles weitere reines Vergnügen, wir haben die folgende 30 Meter lange Schrofenzone bald hinter uns und erreichen am bekannten "Latschenfleck" die eigentliche Kante. Hier beginnt die berühmte Genusskletterei an eisenharten Erosionsgriffen und -rissen. Schön luftig, aber für den Felsgewandten risikolos und mit atemberaubenden Tiefblicken, kommen wir zur schwierigsten Stelle, einem überhängend vorragenden Schichtabbruch. Unter diesem im sogenannten "Badwandl" findet man einen idealen, absolut steinsicheren großartigen Rastplatz. Hier stärkt uns die nun wirklich nötige Brotzeit und ich denke daran, wie ich hier im Jahr zuvor der Musik und den Böllerschüssen der Fronleichsnamprozession in Grainau lauschte.


Am Latschenfleck angekommen,  richten Peter und ich einen Biwakplatz ein. Die Pläne von der Eintagestour haben ja nie existiert, lediglich die äusserst karge Biwakausrüstung von Peter erinnert noch daran. Und so kommt es in der sternenklaren Winternacht zu Peters hochheiligem Schwur nie wieder Winterbergsteigen zu wollen, schon gar nicht mit mir... Er und seine Füße überleben die Nacht, aber der Morgen bringt den wortlosen Rückzug über den bisherigen Aufstiegsweg.

Jetzt steigst du mal vor, befehligt mich Martl an die Kante. Der Fels ist überaus gut hier, die Ausgesetztheit an der Kante überaus groß und würde die Nähmaschine in meinen Knien wieder aufhören: ich könnte es glatt geniessen. So bleibt mir nur nicht zu viel zu denken und den nächsten Meter als Ziel anzuvisieren. Und wie so oft kommt man dann rein, man wird Herr der Lage und träumt schon von den großen Dingen der Bergwelt. In unserer Begeisterung nehmen wir die aufziehenden Gewitterwolken nur nebensächlich war.


Mit einem "oiso, hiaz pack´n ma den Teifi" - wird die überhängende Stelle überwunden, das Gelände wird leichter und über den obersten Teil des Nordgrates haben wir nach knapp sechs Stunden den Gipfel erreicht. Da wir den nicht gerade kurzen und einfachen Rückweg über den kleinen Waxenstein nehmen, machen wir nur kurze Rast und steigen nun seilfrei über das zwar leichte aber doch Vorsicht heischende steile Gelände zur Mittagsscharte ab. Nach 20 Minuten ist die romantische 2045 Meter hoch liegende Einschartung erreicht. Von dieser führt der kürzeste, nicht leichte Abstieg durch die Mittagsschlucht wieder zur großen Reiße. Bei hartem, vereistem Schnee, der in dem teilweise sehr engen Schlund noch im Sommer anzutreffen ist, kann man ausser der permanenten Steingefahr böse Überraschungen erleben. Südlich führt der Abstieg über den "Schafsteig" auch nicht harmlos ins Höllental.


Auf den letzten Metern zum Gipfel hören, nein besser spüren wir die ersten Donner. Der steile Abstieg hinunter zur Mittagsscharte lässt uns die Wahl: Entweder dem Gelände angepasster umsichtiger Abstiegsmodus, dafür mit Lichteffekten, oder ein Hinunterrauschen, raus aus der unmittelbaren Blitzschlagzone. Wir wählen Variante 2 und kaum in der Mittagsscharte angekommen bricht ein Inferno los. Blitze zucken, ein Donnerschlag nach dem anderen, der Berg verwandelt sich in einen Wasserfall. Die Wahl des weiteren Abstieges hat sich erstmal erledigt, wir kauern unter einem Felsvorsprung und harren der Dinge. Nach einer halben Stunde ist es vorbei, der Berg gibt sich wieder unschuldig, aber die Südflanke hinunter ins Höllental ist mit Hagel und Sturzbächen übersät.


Die bolzige Plattenverschneidung im etwa 80 Meter aufsteilenden Westgrat des kleinen Waxensteins bringen wir schnell hinter uns, sie kommt uns nach der Kante fast "wia a Gspui" vor. - "Berg Heil", ein fester Händedruck, wir geniessen 10 Minuten die grandiosen Abgrundblicke und die Sicht auf Garmisch-Partenkirchen. Dann drängen Zeit und Durst, die Seile sind verstaut, und über den langen Manndl-Grat (II) klettern wir schnell, aber mit aller gebotenen Vorsicht zum "Manndl" ab, nochmals eine großartige Aussichtswarte. Über das unangenehme, schwarzerdige und daher oft schmierige Schrofengelände erreichen wir die Reißn und nach einem eineinhalbstündigem Hatscher und Kniebeißer Hammersbach.

Rudolf Prechtl


Der Abstieg durch die Südflanke kostet unter diesen Umständen mehr Kraft, Zeit und Nerven als die gesamte Kletterei an der Kante. Einige Male kommen wir in dem steilen rutschigen Schrofengelände nur durch Abseilen tiefer. Schließlich stehen wir irgendwann vor der Höllentalangerhütte und alles ist wieder gut. Gesellenprüfung bestanden.

Was aus Peter geworden ist, weiß ich leider nicht, aber von Dekade zu Dekade packts den Martl und mich auch heute noch....

Thomas Prechtl